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Berliner Digitalwirtschaft im Wandel: Unternehmen setzen auf Produktivitätszuwachs

 Berlin

Wachstumsmotor trotz Gegenwind: Die Branche erwirtschaftete ein Viertel des Berliner Wirtschaftswachstums der letzten Dekade

  • Startup-Metropole ungebrochen: 760 Neugründungen in 2024 – alle 12 Stunden entsteht ein neues Digitalunternehmen.
  • Zäsur am Arbeitsmarkt: Erstmals sinkt die Zahl der Beschäftigten leicht um 2,8 % (-4.198 Stellen)
  • Erste KI-Effekte sichtbar: Steigende Umsätze bei sinkender Kopfzahl deuten auf wachsende Produktivitätserwartungen hin

Berlin bleibt die unangefochtene Digitalhauptstadt Deutschlands, wie die aktuelle Digitalwirtschafts-Studie der Investitionsbank Berlin (IBB) gemeinsam mit der Berliner Sparkasse (BSK) zeigt. Doch der erfolgsverwöhnte Sektor erreicht einen Wendepunkt. Nach über einem Jahrzehnt ungebremsten Jobwachstums verzeichnet die Digitalwirtschaft erstmals einen leichten Rückgang der Beschäftigtenzahlen. Während die Branche weiterhin das strukturprägende Rückgrat der Berliner Ökonomie bildet, erzwingt der Einzug künstlicher Intelligenz (KI) und eine schwächere Dynamik den Übergang von rein quantitativer zu qualitativer Expansion.

Dr. Johannes Evers, Vorsitzender des Vorstands der Berliner Sparkasse: „Berlin bleibt das größte IT-Ökosystem Deutschlands. Gleichzeitig merken wir: Das Wachstum hat sich abgeschwächt, dafür kommt es immer mehr auf Spezialisierung an – vor allem bei KI. Wenn wir als Hauptstadt wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir Automatisierung klug einsetzen und gezielt in Qualifikation investieren. Auch für uns als Berliner Sparkasse spielt KI eine zentrale Rolle: Denn KI und moderne IT unterstützen uns dabei, effizienter zu arbeiten, die Sicherheit weiter auszubauen und unseren Kundinnen und Kunden genau die Leistungen zu bieten, die sie heute erwarten. Gleichzeitig wollen wir Berlin als offenen und vielfältigen Standort weiter stärken. Schon heute hat etwa jede dritte Person im IT-Bereich internationale Wurzeln – sie haben damit einen wichtigen und willkommenen Anteil an der Innovationskraft unserer Stadt.“

Dr. Hinrich Holm, Vorsitzender des Vorstands der IBB: „Die Digitalwirtschaft steht an einem sichtbaren Wendepunkt. Künstliche Intelligenz prägt die Schlagzeilen und den Umgang mit Daten. Um die Chancen der KI-Transformation zu nutzen, brauchen wir eine leistungsfähige Infrastruktur – Rechenzentren werden zum entscheidenden Standortfaktor. Berlin sollte mit schnelleren Genehmigungen und verbindlichen Standards für Abwärme und Strom aus erneuerbaren Quellen vorangehen. Die Banken wiederum stehen bereit, privates Kapital gezielt in nachhaltige Infrastruktur zu lenken, um die Spitzenposition Berlins im globalen Wettbewerb abzusichern.“

Licht und Schatten auf dem Arbeitsmarkt

Trotz des aktuellen Rückgangs auf insgesamt 145.158 Beschäftigte bleibt die langfristige Bilanz beeindruckend: Seit 2008 entstanden über 104.000 Arbeitsplätze in der Berliner Digitalwirtschaft. Dennoch ist die Arbeitslosigkeit im IT-Sektor zuletzt gestiegen. Weil weniger neue Stellen entstehen, werden offene Positionen in Berlin – entgegen dem Bundestrend – inzwischen schneller besetzt. Zudem behauptet Berlin seine Attraktivität für Fachkräfte durch überdurchschnittliche IT-Löhne, die selbst nach Abzug der hohen Angebotsmieten in rund zwei Drittel der 250 bundesweit untersuchten Städte und Landkreise besser ausfallen.

Weniger Köpfe aber mehr Umsatz – Unternehmen setzen auf Produktivitätssprung durch KI

Ein markantes Ergebnis der Studie ist die Entkoppelung von Beschäftigung und Umsatz. Während die 12.629 Digitalunternehmen im Jahr 2023 einen Rekordumsatz von rund 39,4 Mrd. Euro erwirtschafteten, zog die Zahl der Mitarbeitenden nicht länger mit, sondern ging erstmals zurück. Ein Arbeitsmarkteffekt ist in den bereits gut automatisierbaren Bereichen der IT- und Naturwissenschaften messbar, wo die Beschäftigung seit 2022 stagniert. Auch wenn die Datenlage aktuell noch nicht hinreichend ist, könnte das ein erster Hinweis darauf sein, dass KI-Modelle menschliche Aufgaben übernehmen, während die Nachfrage in komplexen, noch nicht automatisierbaren Feldern stabil bleibt. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Berlin strukturell besonders KI-resilient ist: Nur rund 7 % der IT- und naturwissenschaftlichen Tätigkeiten gelten als hoch automatisierbar, was den niedrigsten Wert unter den deutschen Digitalstandorten darstellt.

Berlin bleibt der Hafen für Risikokapital

Ungeachtet der gedämpften Stimmung am Arbeitsmarkt verteidigt Berlin seinen Ruf als Gründungsmetropole. Mit 760 Neugründungen im Jahr 2024 (+21,3 % gegenüber dem Vorjahr) lässt die Hauptstadt andere Standorte hinter sich. Fast jeder dritte Euro an Risikokapital in Deutschland fließt nach Berlin. Das dichte Ökosystem aus Kapitalgebenden und Expertise sorgt dafür, dass im Schnitt alle 12 Stunden ein neues Digitalunternehmen an den Start geht.

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