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Die Berliner Digitalwirtschaft befindet sich an einem strukturellen Wendepunkt: Nach mehr als einem Jahrzehnt ungebremsten Wachstums, zwischen 2008 und 2024 entstanden insgesamt 104.349 Arbeitsplätze im Sektor, vollzieht die Branche den Übergang von quantitativer Expansion zu qualitativer Verdichtung.
Die Daten sind eindeutig: Die 12.629 Berliner Digitalunternehmen erwirtschafteten zuletzt einen Rekordumsatz von rund 39,4 Mrd. EUR. Gleichzeitig sank die Beschäftigung erstmals seit über einem Jahrzehnt um 2,8% auf 145.158 Stellen (-4.198). Bemerkenswert ist dabei die Produktivitätsentwicklung: Der Umsatz je Beschäftigten stieg 2023 gegenüber 2022 spürbar an, ein erstes Indiz dafür, dass Unternehmen zunehmend auf Effizienzgewinne statt auf Personalaufbau setzen.
Dass der Sektor dabei weiterhin das strukturprägende Rückgrat der Berliner Wirtschaft bildet, unterstreicht ein weiterer Befund: Die Digitalwirtschaft erwirtschaftete preisbereinigt rund 22 % des gesamten Berliner Wirtschaftswachstums der vergangenen dreizehn Jahre. Der gesamte IT-Arbeitsmarkt, der die Digitalwirtschaft als größte Teilmenge enthält, gibt dabei ein differenziertes Bild ab. Zwar bleibt Berlin mit rund 84.600 Beschäftigten der größte Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte in Deutschland. Die Beschäftigungsdynamik hat sich jedoch deutlich abgekühlt: Entstanden 2022 noch rund 9.650 neue IT-Jobs, waren es 2024 nur noch rund 4.000 und im Jahr 2025 weniger als 3.000. Die Arbeitslosenquote unter IT-Fachkräften dürfte 2025 auf über 8 % gestiegen sein, liegt damit aber noch deutlich unterhalb der Gesamtwirtschaft, wo die 10%-Marke bereits überschritten ist.
Strukturell zeigt sich zudem eine veränderte Dynamik bei der Substituierbarkeit: Während die Beschäftigung in IT- und naturwissenschaftlichen Berufen mit mittlerer und niedriger Automatisierbarkeit zwischen 2022 und 2025 zulegte (+19,6 % bzw. +10,8 %), stagnierte sie in hoch substituierbaren Bereichen nahezu vollständig (+0,2 %). Ein kausaler Zusammenhang mit dem Einsatz von KI-Modellen lässt die Datenlage derzeit noch nicht abschließend belegen, die Richtung des Wandels ist jedoch erkennbar.
Ungebrochen dynamisch zeigt sich die Gründungslandschaft. Im Sektor Information und Kommunikation wurden 2024 insgesamt 958 Betriebsgründungen erfasst, 2025 stieg die Zahl weiter auf 986. Die größenbereinigte Gründungsintensität, gemessen an je 10.000 IKT-Beschäftigten, erreichte 2025 einen Wert von 69 und übertraf damit den Tiefpunkt von 56 im Jahr 2023 deutlich. Fast jeder dritte Euro an Risikokapital in Deutschland fließt nach Berlin. Das dichte Ökosystem aus Kapitalgebenden, Gründenden und internationalem Fachkräftepotenzial sichert die Erneuerungsfähigkeit des Standorts strukturell ab, zumal rund jede dritte Person im IT-Sektor über internationale Wurzeln verfügt und die Vollzeitbruttolöhne in IT-Berufen zuletzt rund 4,4 % über dem Bundesdurchschnitt lagen.
Mit dem Aufkommen und der Nutzung von KI-Anwendungen ist der Ausbau leistungsfähiger und nachhaltiger Rechenzentrumsinfrastruktur zum entscheidenden Standortfaktor geworden. Schnellere Genehmigungsverfahren, verbindliche Standards für Abwärme und erneuerbare Energien sowie eine gezielte Lenkung privaten Kapitals bilden die infrastrukturelle Grundlage. Flankierend braucht es moderne Arbeitsmarktinstrumente, von gezielter Weiterbildung über berufliche Spurwechsel bis hin zur Stärkung digitaler Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen. Nur so kann Berlin seine Führungsposition im Europäischen KI-Wettbewerb nachhaltig behaupten.
Alle Zahlen finden sich in der neuen Ausgabe der Berlin aktuell – reinschauen lohnt sich!
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